Glaube an das Gute im Mann
Wolfgang Stephan im Gespräch mit Barbara Kavemann
(wst).
Zugegeben, so ganz eindeutig war die Ausrichtung dieser TAGEBLATT-Ausgabe nicht. Hat der Internationale Frauentag immer noch
seine große Bedeutung?
Und: Was bietet sich diesmal als Schwerpunkt-Thema an, wo wir doch in den vergangenen Jahren schon so ziemlich alle Facetten
zu diesem Tag im Blatt hatten. Selbst unseren streitbaren Redakteurinnen fiel nicht mehr viel Neues ein. Und so war der Gesprächstermin
mit einer Expertin zum Thema „Häusliche Gewalt“ mehr als eine willkommene Gelegenheit, um der guten TAGEBLATT-Tradition
zur Würdigung des Internationalen Frauentages Rechnung zu tragen. Angesagt hatte sich Professorin Barbara Kavemann, Diplom-Soziologin
aus Berlin.
Gekommen ist eine muntere Wissenschaftlerin, die gleich mit ihrer ersten Aussage jedwede Zweifel
an der Berechtigung des Frauentages verwischte: „Jede vierte Frau in einer Partnerschaft ist schon einmal Opfer von körperlicher
oder sexueller Gewalt geworden.“ Jede Vierte. An der Statistik könne es keine Zweifel geben, sagt die Professorin,
die Daten seien unantastbar. Was zusätzlich überrascht: Die Übergriffe gingen quer durch alle Schichten und Altersklassen,
es sei keinesfalls so, dass Akademiker nicht auch zu Schlägern werden.
Die Frage nach dem Warum? Auch darüber gibt es gesicherte Erkenntnisse, sagt Barbara Kavemann und nennt: Alkohol, traditionelles
Rollenverhalten, Eifersucht und ganz besonders die Situationen, die sich aus einer Schwangerschaft ergeben, wenn Mann und Frau
plötzlich feststellen, dass nicht mehr alles so ist, wie es immer gewesen sei. Zusätzliche Faktoren seien Arbeitslosigkeit
und Armut. Kavemann: „Wer mit zwei Kindern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung leben muss, ist einem stärkeren psychischen
Stress ausgesetzt als eine Familie mit größerem Wohnraum.“
Das ist überzeugend, aber warum schlagen Männer Frauen? „Weil es dem traditionellen Rollenverhalten entspricht“,
sagt die Professorin. Der starke Mann und das schwache Geschlecht. Wobei sie die Rollenverteilung nicht einseitig sieht. Nach wie
vor würden Frauen („bedauerlicherweise“) ganz offen sagen, dass sie einen „starken Kerl“ wollen. Und
wenn dem „starken Kerl“ die Hand ausrutscht, meinen viele Frauen, es ertragen zu müssen. Kavemann: „Geschlagen
zu werden ist ein Tabu-Thema“. Darüber würden Frauen nicht reden. Dies aber sei eine der wichtigsten Voraussetzungen,
um das Problem zu lösen. Müsste eine geschlagene Frau nicht sofort die Koffer packen? „Nein“, sagt Barbara
Kavemann, so einfach sei dies nicht. Vielen Frauen sei diese Lösung verwehrt, weil sie meist eine finanzielle Abhängigkeit
hätten und weil sie um Beistand fürchten. Das Tabu-Thema ist auch unter Freundinnen tabu. Aber was soll eine geschlagene Frau tun? „Reden“, rät die Wissenschaftlerin. Auf jeden Fall mit einer Außenstehenden,
einer Beraterin, der Freundin, vielleicht der Mutter. Und natürlich mit dem Partner, um dem deutlich zu machen, welch Pein
sie erleide. „Wer einmal geschlagen hat, schlägt auch weiter“ – die These mag Kavemann nicht für verbindlich
erklären. Noch glaubt sie an das Gute im Manne.
„Liebe ist doch etwas Schönes“, meint die Professorin, die insbesondere ihren Geschlechtsgenossinnen rät, diesen
Zustand möglichst lange auszukosten, gleichzeitig aber „sich nicht selbst aus dem Blick zu verlieren“. Die Zeiten
seien vorbei, in denen die Frauen allzeit bereit sein müssten, um dem Herren jederzeit zur Verfügung zu stehen – am
Herd und im Bett. Kavemann: „Mittlerweile haben sich die Partnerschaftsbilder wenigstens etwas gewandelt und immer mehr wissen,
dass Frauen nicht immer zur Verfügung stehen und Männer nicht immer bereit sein müssen.“ Übrigens eine ganz wichtige Erkenntnis für die Erziehung, denn Kinder könnten häusliche Gewalt nicht ignorieren.
80 bis 90 Prozent der Kleinen seien während der Taten anwesend. Die psychische Belastung wirke sich bei den Kindern oft in
Form von Bauchschmerzen aus und könne zu schweren Traumatisierungen führen.
Und wo bitte ist die Lösung? Barbara Havemann wirkt keineswegs verbittert. Die Zeiten seien
im Sinne der Frauen und Kinder schon besser geworden.
Aber halt noch lange nicht gut.
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