Wogen glätten ist täglich Brot im Stader Frauenhaus
Einrichtung des Landkreises Stade ist stärker belegt denn je – Aber die Kinder
kommen zu kurz
Stade (je).
).„Den ersten Schritt wagen – wir unterstützen Sie dabei!“ Mit diesem Motto bietet das Stader Frauenhaus
im neuen Flyer seine Dienste und seinen Schutz an. Das Design kommt dabei wesentlich moderner und gefälliger daher als auf
dem alten Papier. Und so entspricht es auch eher dem Selbstverständnis des Teams um Silvia Steffens, das aus der Tabuzone
heraus will und sich an der laufenden Aktion „Gewalt kommt nicht in die Tüte“ beteiligt.
Die Diplom-Sozialpädagogin, die die Leitung der 17 Jahre alten Einrichtung des Landkreises
Stade Anfang 2002 übernahm, hat die Belegungstage in diesem Jahr um 200 Prozent gesteigert. Immer häufiger gibt es
Blöcke, da alle fünf Zimmer mit Frauen und Kindern belegt sind. Die Frauen bleiben länger, weil sie sich wohlfühlen.
Und das ist gut so. Denn dann haben sie die Kraft, die Ruhe und die Sicherheit, ihren weiteren Lebensweg zu überdenken und
zu planen.
„Es ist anstrengend mit so vielen Menschen im Haus, aber es gelingt uns zunehmend, gute Stimmung zu verbreiten“, freut
sich die 42-Jährige. Die Sozialarbeiterin hat es mit Frauen als allen Kreisen und verschiedenen Herkunftsländern zu tun.
Steffens und ihre beiden Kolleginnen brauchen für jede einzelne viel Zeit, Verständnis und Fingerspitzengefühl.
Immer wieder müssen sie Feuerwehr spielen und Wogen glätten. Krisenintervention und Mutmach-Gespräche gehören
zum täglichen
Brot der Sozialarbeiterin und der Erzieherinnen.
„Lassen Sie sich nicht stoßen, schlagen, treten, einschüchtern, beleidigen, zu sexuellen Handlungen zwingen, einsperren,
kontrollieren, wie eine Bedienstete behandeln, schlecht machen“, fordert das Frauenhaus im Flyer auf. Es öffnet seine
Pforten zum „sicheren Ort“ für Frauen und ihre Kinder, die von seelischer und körperlicher Gewalt betroffen
und/oder bedroht sind. „Viele wissen gar nicht, wer zu uns kommen kann“, bedauert Steffens. Frauen müssen nicht
gelb und grün geprügelt sein, bevor sie Einlass finden. Gewalt hat viele Gesichter.
Aber Extremfälle erleben die Bezugsbetreuerinnen immer wieder. Dann stehen die Frauen da: Ohne Geld, Papiere und Perspektive.
Dafür mit einem übermächtigen Bild vom Mann und einem tief verletzten Selbstwertgefühl. Das Frauenhaus bietet
eine Brücke auf dem Weg zum Neubeginn. „Doch das schaffen nur Frauen, die das wirklich wollen“, zeigt die
Erfahrung.
Sie müssen ihr Leben umkrempeln. Und das geht oft nur, wenn sie sich auf die Beratungsarbeit einlassen, eventuell auch eine
externe Therapeutin aufsuchen. „Aber das ist keine Pflicht“, erläutert die Sozialpädagogin, „eine Frau,
die zu uns kommt, muss nicht ihre ganze Lebensgeschichte ausbreiten und kann hier auch ganz autonom leben.“
Silvia Steffens freut sich, dass im Frauenhaus zunehmend ein Geist der Solidarität herrscht. Kommt eine neue dazu, sind die
anderen für sie da. Beim monatlichen Frühstück lassen sich Ehemalige blicken, die den Absprung geschafft
haben und vor Kraft strotzen. Ihre Freude steckt alle an.
Das Frauenhaus ist Mitglied im „Netzwerk häusliche Gewalt“ und kooperiert eng mit Einrichtungen wie Lichtblick,
Opferhilfe und Ausländerberatung. Im Notfall ist es rund um die Uhr erreichbar, einen festen Telefondienst ermögliche
die drei Teilzeitkräfte montags bis freitags von 9 bis 11 Uhr.
Als nächstes Projekt hat sich Silvia Steffens eine bessere Kinderbetreuung auf die Fahnen geschrieben. Die Gewalt erfahrenen
Kinder kommen im Frauenhaus zu kurz und brauchen unbedingt eine eigene Ansprechpartnerin, die mit ihnen spricht und spielt und
sie so annimmt, wie sie sind. Steffens wünscht sich eine Stellenaufstockung, sucht aber auch nach anderen Lösungen. Sollten
sich Ehrenamtliche finden, müssten sie wissen,, „dass da eine ganz schwere und verantwortungsvolle Aufgabe auf sie zukommt.“
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