Kinder leiden unter häuslicher Gewalt
Stader Delegation informierte sich auf einer Fachtagung
Kreis Stade (je).
Kinder geschlagener oder misshandelter Mütter sind immer auch selbst Opfer dieser Gewalt. Das war eine der zentralen
Botschaften einer Fachtagung über häusliche Gewalt zwischen (Be-)Achtung und Missachtung, an der Vertreterinnen
aus dem Landkreis Stade teilnahmen.
Über aktuelle Forschung, Prävention und Intervention ließen sich Mitglieder des
Netzwerkes Häusliche Gewalt im Landkreis Stade, Gabi Schnackenberg von der Beratungsstelle „BISS“, die Frauenbeauftragte
der Stadt Buxtehude, Uschi Reincke, und die Frauenbeauftragte des Landkreises, Anne Behrends, informieren. Dafür reisten
sie nach Emden.
Die Wissenschaftlerin der Uni Osnabrück, Prof. Barbara Kavemann, führte aus, dass Mädchen und Jungen, die in Familien
leben, in denen die Mutter vom Vater oder Partner misshandelt wird oder Gewalt zwischen den Eltern stattfindet, von dieser Gewalt
auf vielfältige Weise betroffen sind.
Diese Kinder erleben die Misshandlung der Mutter mit, was als eine Form der Gewalt gegen das Kind
selbst zu betrachten ist. Sie gehen mit ihren Müttern auf die Flucht, sind anwesend bei Polizeieinsätzen und tragen
alle Konsequenzen mit, die Gewalt nach sich zieht.
Außerdem werden sie oft genug nicht angehört und mit ihren Sorgen, Ängsten oder Traumata nicht ernst genommen.
Sie leben in einer destruktiven und schädigenden Atmosphäre. Oft sind sie in anhaltende Kämpfe der Eltern um das
Sorge- oder Umgangsrecht verwickelt. Dabei werden sie gegen den einen oder anderen Elternteil ausgespielt. Nicht selten sind sie
aber auch am eigenen Leibe von Gewalt, Vernachlässigung, sexuellem Missbrauch betroffen.
An Mutter denkt keiner
Einen weiteren wichtigen Punkt ihres Vortrages widmete Kavemann der Frau als Opfer. Im Falle einer Krisenintervention per
Gesetz werde für die Sicherheit und das Wohlergehen der Kinder gesorgt. Aber an das Wohlergehen der danach oft allein erziehenden,
in Armut geratenden und oft völlig überforderten Mutter denke keiner mehr.
Dank des neuen Wegweisungsgesetzes habe die Frau zwar die Gelegenheit, per Anordnung für einen gewissen Zeitraum räumlich
vom Täter getrennt und damit geschützt zu sein, aber ansonsten werde sie oft gesellschaftlich geächtet und sei mit
Schuld- und Scham-Gefühlen sich selbst überlassen.
Dr. Gesa Schirrmacher vom Bundesfamilienministerium stellte die Ergebnisse einer neuen Studie zur
Gewalt an Frauen und Kindern vor. Danach haben zwei von fünf Frauen in ihrem Leben schon sexuelle oder körperliche Gewalt erlebt und jede vierte Frau
wird von ihrem Partner misshandelt. Da die Studie ergeben hat, dass Betroffene in vielen Fällen zunächst den Arzt aufsuchen,
wollen die Hilfsorganisationen in Zukunft noch stärker die Ärzte und Ärztinnen ansprechen und sie für
ihre Arbeit gewinnen.
Forderungen aus den Erkenntnissen der Emder Tagung waren unter anderem: Frauen brauchen niedrig-schwellige
Beratungsstellen. Gerade in den Zeiten der finanziellen Misere der öffentlichen Haushalte dürfe an dieser Stelle nicht weiter gekürzt werden.
Aber auch die Gewalt ausübenden Täter bräuchten Hilfe. An entsprechenden Beratungs- und Therapiestellen fehle es
gänzlich im ländlichen Raum.
Die Stader Netzwerkmitglieder werden die Erkenntnisse in ihre nächste Netzwerksitzung einbeziehen und diskutieren, welche
der Anregungen in die Praxis umgesetzt werden können. Kontaktperson für das landkreisweite Netzwerk ist die Kreisfrauenbeauftragte
unter 0 41 41/12205 oder unter frauenbeauftragte@landkreis-stade.de.
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